Internationale Freigeistige Rundschau 1/2014

 

Europa

Europäische Union
(4485) Brüssel. Das EU-Parlament in Straßburg hat in seiner Plenarsitzung ausgerechnet am Tag der Menschenrechte (10. Dezember) den nach der säkularen portugiesischen Europaabgeordneten Edite Estrela benannten Bericht abgelehnt. Darin geht es um Fragen der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und damit um die Erweiterung des Selbstbestimmungsrechts betroffener Frauen. Mit einer knappen Mehrheit von 334 zu 327 Stimmen votierten die Abgeordneten stattdessen für einen alternativen, religiös ausgerichteten Entschließungsantrag, den die konservativen Fraktionen eingebracht hatten. Sowohl die Festlegung der Gesundheitspolitik und der medizinischen Versorgung als auch die schulische Sexualerziehung bleibt damit alleinige Zuständigkeit der EU-Mitgliedsstaaten, heißt es in dem angenommenen Änderungsantrag. Die Entschließung des Estrela-Berichts war vom Ausschuss für Frauenrechte und Gleichstellung vorgelegt worden. (kathpress, 10.12.13)
Belgien
(4486) Brüssel. König Philipp hat das neue Gesetz zur Sterbehilfe unterzeichnet, wonach auch „unheilbar kranke Kinder mit starken Schmerzen in der letzten Lebensphase“ um das Beenden ihres Lebens bitten können. 210.000 Religiöse aus aller Welt hatten mit einer Online-Petition versucht, das Gesetz noch in letzter Minute zu Fall zu bringen. Belgien ist damit das erste Land der Welt, das aktive Sterbehilfe auch für willensfähige Kinder erlaubt. Der Vatikan zeigte sich erschüttert. (Radio Vatikan, 5.3.14)

Deutschland

(4487) Hannover. Die neue EKD-Mitgliederstudie 2012, die alle zehn Jahre erstellt wird, offenbart einen Glaubensverlust bei den deutschen Protestanten, der alle bisherigen Vorstellungen bei weitem übertrifft.
Die „Fünfte Kirchenmitgliederuntersuchung“ mit dem Titel Engagement und Indifferenz hat ergeben, dass die Zahl der mit der Kirche „eng“ oder „ziemlich eng“ verbundenen Evangelischen binnen zweier Jahrzehnte von 12 auf 9,5 Millionen gesunken ist, während die Zahl der Kirchenfernen mit knapp acht Millionen fast gleich geblieben ist. Unter den jungen Mitgliedern ist jedes fünfte fest zum Kirchenaustritt entschlossen. Insgesamt schrumpfte die evangelische Kirche seit 1992 von 29 auf 23 Millionen Mitglieder.
Die Kirchenzeitung der bayerischen Landeskirche kommt unter dem vielsagenden Titel „Die Zukunft als religionsfreie Zone“ zu dem Schluss, die Studie „zeigt deutlich, dass Kirche und Religion in Deutschland in 30 bis 40 Jahren erdrutschartig an Bedeutung verlieren werden. Dann nämlich sterben die geburtenstarken, religiös noch halbwegs sozialisierten Jahrgänge langsam aus. Den nachfolgenden Generationen fehlt die selbstverständliche Glaubensheimat der Alten: Ihnen ist Kirche schlichtweg egal, Konfessionslosigkeit wird zum Normalzustand.“
Untersucht wurde auch die weltanschauliche Einstellung der Konfessionslosen, die in erdrückender Mehrheit auch vom christlichen Glauben weit entfernt sind. Der Cheftheologe im hannoverschen Kirchenamt, Thies Gundlach, stellte im letzten Kapitel der Studie dazu nüchtern fest: „Wer einmal weg ist, kommt in aller Regel nicht wieder, sondern nimmt auch noch seine Familie, später seine Kinder und Enkel mit.“ (Evangelisches Sonntagsblatt Bayern, 16.3.14)

(4488) Regensburg. Der Katholikentag in Regensburg soll auch Nicht-Gläubige ansprechen. Dazu sollen etwa 300 kulturelle Veranstaltungen beitragen. Bildende Kunst, kirchliche und weltliche Musik, Literatur, Theater und Film sollen Brücken zu weniger religiösen Menschen schlagen. Schwerpunkt sei die Musik, meinte die Vorsitzende des Katholikentags-Arbeitskreises Kultur, Maria Baumann, bei der Vorstellung des Kulturprogramms in Regensburg. „Das Glaubensfest soll ein klingender Katholikentag werden.“ Zudem seien Lesungen auf der „Literaturarche“ an der Donau, Dutzende Theater- und Kinovorstellungen sowie Kabarett und Kleinkunst geplant. (Pressemitteilung der Veranstalter, 21.3.14)
Anm. MIZ-Red.: Wenn den Katholiken so sehr am Ansprechen von Nichtglaubenden gelegen ist, wie sie hier beteuern: Warum sind sie dann nicht auch zu einer argumentativen, sachlichen Diskussionsrunde bereit? Dann könnten sie auch einmal kennenlernen, was Nichtglaubende wirklich bewegt. Und wirklich fromme Menschen sehen oft auch aus ihrer Perspektive, dass das Festhalten an materiellen Privilegien auch ihrer eigenen Kirche langfristig schadet.

(4489) Limburg. Bischof Tebartz-van Elst ist nicht der einzige Skandalträger der Diözese Limburg. Der ehemalige Generalvikar Franz Kaspar sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, dass er bei den jetzt bekannt gewordenen Missbrauchsfällen des St.- Vincenz-Stifts und in der benachbarten katholischen Jugendhilfe Marienhausen weggeschaut habe. In der Behinderteneinrichtung, welche Kaspar von 1970 bis 2006 geleitet hatte, war es zu zahlreichen Fällen von Gewalt und Missbrauch gekommen, ohne dass er je eingeschritten war. Sieben Personen hatten zuvor in einer Telefonhotline von Fällen körperlicher, sexualisierter und psychischer Gewalt berichtet; die Dunkelziffer erscheint aber nach Ansicht von Experten weit höher.
Kaspar war im Umfeld um den Skandal des ehemaligen Limburger Bischofs Tebartz-van Elst aufgrund seiner zahlreichen Flüge, u.a. nach Indien, ebenfalls in die Kritik geraten, einen ausschweifenden Lebensstil zu führen. Jetzt reagierte er nach außen mit angeblicher „Bestürzung und Fassungslosigkeit“. Er nahm zu den Fakten aber erst nach Veröffentlichung eines Untersuchungsberichts Stellung, dessen Inhalt ihm längst bekannt sein musste. In ihm wurde offiziell festgestellt, dass es auch nach 1970, und damit in Kaspars Amtszeit, zu den besagten Fällen von Gewalt und von Missbrauch gekommen war. (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.4.14)

(4490) Augsburg. In dem Pokerspiel um den Weltbild-Konzern zeigt sich immer mehr, dass die Verantwortlichen – unabhängig von den Hilfsversprechen der katholischen Eigentümer – die Zahl der Arbeitsplätze so drastisch reduzieren wollen, dass das Unternehmen für potenzielle Käufer attraktiv wird. So wurde am Stammsitz in Augsburg mitgeteilt, dass gut 650 Arbeitsplätze beim Verlag gestrichen werden. Erst auf der Mitarbeiterversammlung im März wurde aber beiläufig bekannt, dass schon bis dahin 400 der einst 2200 Stellen aus verschiedenen Gründen „verschwunden“ waren.
Nun sollen auch mindestens 50 weltbild plus-Buchläden geschlossen werden, was wiederum 220 der „noch verbliebenen“ 1400 Arbeitsplätze kosten wird.
Der Münchner Kardinal Marx räumte eine Mitverantwortung der Kirche ein, weigerte sich aber zum Ärger der Gewerkschaften und der Mitarbeiter-Vertretung, daraus irgendeine Verpflichtung für die Kirche abzuleiten. (Süddeutsche Zeitung, 14.1.14; Augsburger Allgemeine, 18.1., 21.3. u. 24.4.14)

Großbritannien

(4491) London. Premierminister David Cameron hat wütende Kritik für seine Aussage geerntet, Großbritannien sei ein christliches Land. In einem offenen Brief kritisieren 55 bekannte Persönlichkeiten, unter ihnen Journalisten und Philosophen, den britischen Regierungschef. Cameron hatte sich vergangene Woche mit Blick auf Ostern geäußert. Seine Kritiker beanstanden, das Land sei keineswegs christlich, sondern plural. Die britische Gesellschaft sei in großen Teilen nicht religiös. Wer etwas anderes behaupte, riskiere Abwertung und Spaltung. Sprecher des Premiers betonten, man habe andere Religionen nicht schmälern wollen. Auch Cameron ruderte später zurück und räumte indirekt ein, dass Nichtgläubige wohl die Mehrheit der Bevölkerung stellten. (Agence France Presse, 22.4.14, Süddeutsche Zeitung, 22.4.14)

Italien

(4492) Catanzaro. Im süditalienischen Kalabrien sollen sich angehende Priester künftig ausführlich mit dem Thema „Kirche und Mafia“ beschäftigen und die Unterschiede zwischen beiden herausarbeiten. Die Bischöfe der Region beschlossen die Einrichtung entsprechender Kurse an den theologischen Ausbildungsstätten. Sie wollen damit erreichen, dass junge Priester von Anfang an ausreichende Distanz zur Mafia wahren, was in der Vergangenheit nicht immer der Fall war. Während ihrer Frühjahrsvollversammlung berieten sie auch über ein pastorales Konzept zum Umgang mit der Mafia, die sich als betont katholisch definiert und in Italien traditionell keine Nichtkatholiken aufnimmt. (kipa, 10.4.14)

Österreich

(4493) Salzburg. Für alle, "die sich mit Kirche ein bisschen schwer tun", will der neue Salzburger Erzbischof Franz Lackner Sprechstunden anbieten. Damit reagiert der österreichische Oberhirte auf die rapide gestiegenen Kirchenaustrittszahlen in seinem Bistum. Er wolle "alles tun, dass Menschen die Kirche als einen Ort erleben, wo sie geborgen sind" und auch kritische Fragen stellen können. In der Erzdiözese Salzburg hatten im Vorjahr 4590 Katholiken der Kirche den Rücken gekehrt. Das sind 20 Prozent mehr als 2012. (BR-Kirchenfunk, 17.1.14)

(4494) Wien. Knapp zwei Drittel der Österreicher (64 Prozent) sehen – im Gegensatz zur katholischen Kirche und zu den Regierungsparteien – keine Notwendigkeit, ein Verbot der Sterbehilfe in der Verfassung zu verankern. Das geht aus einer Umfrage für das Nachrichtenmagazin profil hervor. Nur 24 Prozent der Befragten ist für eine Verfassungsänderung. Die allgemeine Zustimmung zur aktiven Sterbehilfe ist breit: 69 Prozent können sich vorstellen, ihrem Leben wegen schwerer Krankheit oder Demenz ein Ende zu setzen. Nur 19 Prozent schließen aktive Sterbehilfe für sich aus.
Die Koalitionsparteien verwiesen in der Frage der Verankerung in der Verfassung bereits auf anstehende Gespräche. ÖVP-Verfassungssprecher Gerstl erklärte dazu in der Wiener Zeitung: "Wenn es der Gesellschaft wichtig ist, dass niemand gegen seinen Willen getötet wird, brauche ich eine Verfassungsregelung." Weiter stellte er fest: "Ich bin nicht gegen eine Volksbefragung oder Volksabstimmung in dieser Frage. Das kann man genauso machen."
Sein SPÖ-Gegenüber Wittmann zeigte sich ausweichend: "Es gibt viele gute Ideen, die werden wir einmal ordnen. Wir werden eine Diskussion auf breiter Basis machen." Verfassungsthemen seien jedenfalls nicht dazu geeignet, Tagespolitik zu machen, es brauche hier einen "gründlichen Diskussionsprozess". Die Frage, ob es eine Volksbefragung zu dieser Frage geben soll, stehe dann erst am Ende der Gespräche, meinte Wittmann: "Ich warne vor einer 'Patentlösung'." Er sei jedoch "froh" über die Diskussion.
Skeptisch zur Notwendigkeit, ein Sterbehilfeverbot in der Verfassung zu verankern, hat sich kürzlich auch der säkular eingestellte Bundespräsident Fischer gezeigt. Dafür war er von katholischen Bischöfen kritisiert worden. (Profil, 3.2.14, Neues Volksblatt, 8.2.14)

Polen

(4495) Warschau. Das polnische Parlament, der Sejm, streitet über eine Resolution zur Heiligsprechung Papst Johannes Pauls II. Der Sejm solle „die Freude und Dankbarkeit für das historische Ereignis“ bekunden, meinen die Konservativen, aber auch die Wirtschaftsliberalen um Präsident Tusk. Die linken Oppositionsparteien lehnen dies ab, weil eine solche Bekundung gegen die Trennung von Staat und Kirche verstoße. Doch diese Einwände wurden mit 380 zu 34 Stimmen im Sejm niedergestimmt und Wojtyla zum „wichtigsten der Väter der polnischen Unabhängigkeit“ ernannt. Ein weiter gehender Antrag der konservativen Fraktion Solidarisches Polen hatte hingegen keine Aussicht auf Erfolg. Die Fraktion wollte, dass alle Geschäfte am 27. April geschlossen bleiben. Der Antrag komme zu spät für die Umsetzung, hieß es.
Die Neue Züricher Zeitung kommentierte: „Straßenkreuzungen und Kirchen werden in Polen seit ein paar Jahren auf den Namen Johannes Paul II. getauft. Auch der Flughafen von Krakau trägt dessen Namen. Dazu kommen Hunderte von Statuen und fast ebenso viele Kalender, Sondermünzen, Briefmarken und Biografien. Johannes Paul II. war in seinem Heimatland Polen schon lange vor seiner Heiligsprechung vom Sonntag ein Nationalheiliger.“ Die NZZ weist aber auch auf die Widersprüche in der polnischen Gesellschaft hin: „Der Kult um Papst Johannes Paul II. treibt in Polen zur Heiligsprechung vom Sonntag neue Blüten. Doch immer mehr Polen bleiben der Messe fern und suchen sich für den Alltag einen anderen Kompass als die katholische Glaubenslehre.“ (kipa, 23.4.14; Neue Züricher Zeitung, 25.4.14)
Ganz anders urteilen die Opfer von klerikalen Missbrauchstätern. Wojtyla sei alles, nur kein Heiliger. Der ehemalige Messdiener Norbert Denef meinte: „Johannes Paul II. war in seiner Amtszeit verantwortlich für das Verschweigen, Verleugnen und Vertuschen von sexualisierter Gewalt.“ Als er sich 2003 selbst an den Papst gewandt hatte – nachdem ihm der Bischof von Magdeburg 25.000 Euro Entschädigung angeboten hatte unter der Bedingung, dass er nichts von seiner Geschichte preisgebe – , antwortete ihm der Papst, er werde Denef in sein Gebet aufnehmen und er selbst solle Gott um „innere Heilung und um die Kraft der Vergebung“ bitten.
Von anderer Seite wird Wojtyla vorgeworfen, Kardinal Bertrand Law im Vatikan aufgenommen und vor Strafverfolgung geschützt zu haben, nachdem dieser wegen staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen im Zusammenhang mit Vertuschung sexuellen Missbrauchs in der Diözese Boston zurücktreten musste. Die angesehene katholische Kolumnistin Maureen Dowd schrieb daher in der New York Times: „Johannes Paul mag eine revolutionäre Figur in der Kirchengeschichte sein, aber ein Mann, der in einer moralischen Krise wegschaute, kann nicht als Heiliger gelten“. (Augsburger Allgemeine, 25.4.14)

Schweiz

(4496) Bern/Zürich. Obwohl auch in der Schweiz die Mehrheit der Bevölkerung für Selbstbestimmung in der letzten Lebensphase ist, hat der Bundesrat zahlreiche religiös-konservative Sterbehilfegegner in Fachgremien gewählt, während die Selbstbestimmungs-Organisationen von jeglichen Vorschlägen ausgeschlossen waren. Vor allem stoßen sich die liberalen Kräfte daran, dass der fast schon fundamentalistisch-konservative deutsche katholische Theologe Markus Zimmermann, (der seit Jahren gegen die Schweizer Suizidhilfe Lobbyarbeit betreibt) nicht nur als Leiter des Forschungsprogramms Lebensende bestimmt, sondern nun auch noch in die Nationale Ethikkommission gewählt wurde. Daneben wurden weitere kirchennahe Theologen, Juristen und Mediziner in die Ethikkommission gewählt, sodass die internen Mehrheitsverhältnisse genau umgekehrt zu denen in der Bevölkerung erscheinen. (Neue Züricher Zeitung, 20.12.13; Exit-Nachrichten, 27.1.14)

Die Sterbehilfeorganisation Exit hat im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben bei rund 450 Personen Suizidbeihilfe geleistet. 2012 waren es rund hundert Personen weniger gewesen. Die Organisation verzeichnete im vergangenen Jahr über 8.000 Neueintritte in ihrem Verein. Im vergangenen Jahr trafen bei Exit mehr als 2.000 Sterbehilfe-Anfragen ein, heißt es in der Mitteilung weiter. Im Zuge der Beratungen seien bei rund 700 Mitgliedern Abklärungen für eine Suizidbegleitung getroffen worden. Rund 450 hätten sich schließlich dafür entschieden, schreibt Exit. Das Durchschnittsalter liege über 60 Jahren. (kipa, 31.3.14)

Türkei

(4497) Ankara. Der türkische Premier Erdogan hat sich mit seinem einstigen Partner und Mitgründer der gemeinsamen Partei AKP, dem inzwischen in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen, endgültig überworfen. Daher ließ er kurzerhand auch dessen Privatschulen schließen, in denen sich zwei Millionen junger Türken für die Gymnasial- und die Universitäts-Eingangsprüfung vorbereiten. Beobachter nennen als Grund für den Bruderkampf das fast unmerkliche Eindringen der Gülen-Anhänger in den Verwaltungs-, Justiz-, Medien- und Wirtschaftsapparat der Türkei.
Angeheizt wird der Streit durch die Veröffentlichung eines geheimen Beschlusses des Nationalen Sicherheitsrates MGK aus dem Jahr 2004 in der liberalen Zeitung Taraf. Dort wird – mit der Unterschrift Erdogans und anderer AKP-Größen – gefordert, die „subversiven und antisäkularen Aktivitäten der Gülen-Bewegung“ zu beenden. Gülen teilte nach der Enthüllung mit, er sei „sprachlos“, Erdogans Helfer wollen die Taraf vor Gericht zerren. (Süddeutsche Zeitung, 6.12.13)
Anm. MIZ-Red.: Die zwischenzeitlichen, geradezu diktatorisch anmutenden Maßnahmen Erdogans sind in diesem Zusammenhang zu sehen, gehen aber über die rein weltanschauliche Dimension hinaus. Sicher ist, dass Erdogan weniger Islamist als Machtpolitiker ist und dass er das Abdriften der Türkei in einen islamischen Gottesstaat verhindern will. Sicher ist aber auch, dass er weit von einer säkularen, liberalen Denkweise entfernt ist.

Ungarn

 

(4498) Straßburg. Ungarn verletzt mit seinen vor zwei Jahren erlassenen Gesetzen die Religions- und Versammlungsfreiheit. So lautet ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte über die Kirchengesetze des Landes. Diese schreiben vor, dass religiöse Gemeinschaften vom Parlament anerkannt werden müssen, das verletze die Neutralität des Staates, so das Gericht. Das Kirchengesetz wurde 2012 durch die Regierung von Ministerpräsident Orban geändert und bevorzugt die großen religiösen Gemeinschaften, während säkulare Tendenzen unterbunden wurden. (Reuters, 8.4.14) 

 

Vatikan

(4499) Köln. Der Vatikan produziert und verhökert neuerdings in Eigenregie Reliquien. Ein Stoffläppchen mit einem Blutstropfen des Papstes Johannes Paul II. befindet sich nunmehr im Kölner Dom. Es stammt aus einer Probe, die wenige Tage vor seinem Tod 2005 entnommen worden war. Kardinal Joachim Meisner stellte das entsprechende „Schaugefäß“ (sic!) persönlich auf. Der langjährige Sekretär von Johannes Paul II. und heutige Krakauer Kardinal Stanislaw Dziwisz habe die Blutentnahme persönlich überwacht und ihm, Meisner, später eine der Reliquien übergeben. Die Kölner Erzdiözese gilt seit langem als einer der größten Financiers des Heiligen Stuhls, sodass unklar ist, ob in diesem Fall Geld geflossen ist. (KNA, 10.12.13)

(4500) Genf. Zum ersten Mal musste sich der Vatikan öffentlich und umfassend vor den Vereinten Nationen für den jahrzehntelangen Missbrauch von Kindern durch katholische Priester verantworten. In der Befragung vor dem Kinderrechtskomitee in Genf ging es vor allem darum, ob der Vatikan die UN-Kinderrechtskonvention einhielt, auf die er sich selbst 1990 verpflichtet hatte. Der UN-Ausschuss konfrontierte den Heiligen Stuhl mit Vorwürfen, wonach er sexuellen Missbrauch von Tausenden von Kindern ermöglicht habe, indem er pädophile Geistliche geschützt und Missbrauchsfälle vertuscht habe. Für pädophile Übergriffe gebe es "keine Entschuldigung", sagte Erzbischof Tomasi, der Vatikan-Vertreter. Der Vatikan gestand Versäumnisse ein und beteuerte, er habe kirchliche Richtlinien verschärft, die Zusammenarbeit mit staatlichen Strafverfolgungen ausgebaut und neue Wege in der Prävention beschritten.
Die Vereinten Nationen können zwar keine Strafe verhängen. Opfervertreter werten die Untersuchung aber als symbolisch wichtigen Schritt – auch wenn der Heilige Stuhl deutlich machte, er werde keine moralische Verurteilung durch ein weltliches Gremium akzeptieren. (BR-Kirchenfunk, 17.1.14)

(4501) Vatikanstadt. Der neue Papst glaubt wie seine Vorgänger an die Existenz eines leibhaftigen Teufels. „Wir lernen aus dem Evangelium, wie wir den Versuchungen des Teufels widerstehen können“, sagte er bei einer Predigt. Der Teufel halte nichts Gutes für Katholiken bereit, und jeder gerate in seine Versuchung, so der Papst. Auch Jesus habe Versuchungen widerstehen müssen. Christen, die Jesus folgen wollten, müssten „diese Wahrheit gut kennen“. (Radio Vatikan, 11.4.14)

 

Nordamerika

Vereinigte Staaten

(4502) Salt Lake City. Die größte offizielle Mormonen-Gemeinschaft hat zum ersten Mal erklärt, warum sie afrikanischstämmige Amerikaner bis 1978 nicht zum Priesteramt zugelassen hat. In einem Statement auf ihrer Homepage verweist sie auf ein Verbot ihres Leiters Brigham Young aus dem Jahr 1852. Es sei Ausdruck einer Zeit, in der es noch hohe Schranken zwischen den Rassen gegeben habe. Die Mormonen distanzieren sich inzwischen teilweise „von früheren Theorien, dass schwarze Hautfarbe ein Zeichen göttlichen Missfallens oder Fluches sei“, doch wird diese Doktrin von anderen Gruppen der in sich durchaus uneinigen Mormonen aufrecht erhalten. Die Mormonen sehen sich selbst als christliche Kirche, werden allerdings in vielen Ländern als Sekte eingestuft. (ap, 10.12.13)

 

Lateinamerika

Peru

(4503) Lima. Der peruanische Literatur-Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa hat sich mit der Forderung nach mehr Rechten für Homosexuelle den Zorn der katholischen Obrigkeit zugezogen. In einem Zeitungsbeitrag hatte er sich für die gesetzliche Einführung von eheähnlichen Lebenspartnerschaften für homosexuelle Paare stark gemacht. „Er maßt sich das Recht an, der Wächter des Gewissens anderer zu sein“, kritisierte die peruanische Bischofskonferenz. Dass die Kirche damit genau das moniert, was sie selbst seit Jahrtausenden macht, blendeten die Kirchenführer offenbar komplett aus. (dpa, 23.4.14)

 

Asien

Indonesien

(4504) Bandung. Die Unfähigkeit zu weltanschaulicher Toleranz macht auch vor Glaubensbrüdern nicht Halt. Prominente (sunnitisch-)islamische Kleriker in Indonesien fordern nun das sofortige Verbot der Lehre der Schiiten. Die Regierung solle zudem sämtliche Genehmigungen für schiitische Stiftungen, Organisationen und Institutionen wiederrufen, zitierte die Tageszeitung Jakarta Globe aus der Resolution einer „Nationalen Allianz gegen Schiiten“. Die Resolution sei von rund tausend Anhängern des sunnitischen Islam unterzeichnet und am Sonntag vor einer Moschee in Bandung verkündet worden. Indonesien ist weltweit die Nation mit dem größten muslimischen Bevölkerungsanteil, und zwar mehrheitlich Sunniten. (Jakarta Globe, 21.4.14)

Israel

(4505) Tel Aviv. In Israel unterscheidet erstmals ein Gesetz zwischen muslimischen und christlichen Arabern im Land. Am 24. Februar stimmte das israelische Parlament, die Knesset, in zweiter und dritter Lesung für einen Gesetzentwurf, der christlichen Arabern eine eigene Vertretung im Parlamentsausschuss für Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt einräumt. Eingebracht hatte den Entwurf der Vorsitzende der Regierungskoalition und Likud-Abgeordnete Jariv Levin. Mit dem neuen Gesetz wird die Zahl der Ausschussmitglieder von fünf auf zehn verdoppelt; Muslime, Drusen, Tscherkessen und Christen erhalten je eigene Repräsentanten. Gegner des Gesetzes kritisierten, Levin ziele darauf ab, die arabisch-israelische Bevölkerung zu spalten. (Haaretz, 25.2.14)

(4506) Tel Aviv. Mehr als eine halbe Million orthodoxer Juden protestierte in einer Demonstration gegen die Ausweitung der Wehrpflicht auf Talmudschüler. Der Streit um die allgemeine Wehrdienstbefreiung von streng religiösen Talmudstudenten beschäftigte Israel seit zwei Jahren. Bis dahin galt eine allgemeine Wehrdienstbefreiung für orthodoxe Männer. Israels Oberster Gerichtshof hatte diese Regelung für verfassungswidrig erklärt und die Regierung zu einer Neuordnung der Wehrpflicht aufgefordert. Die Wehrdienstbefreiung galt seit der Staatsgründung 1948, betraf damals aber nur wenige hundert Männer. inzwischen sind aber mehrere hunderttausend orthodoxe Juden vom Wehrdienst befreit. Befürworter der Neuregelung argumentierten, nicht wenige Wehrpflichtige träten nur deshalb zum orthodoxen Judentum über um sich vor dem risikoreichen dreijährigen Militärdienst zu drücken. Daher befürchteten die Traditionalisten vor allem an Einfluss bei jungen Israelis zu verlieren. (Haaretz, 3.3.14)

Kasachstan

(4507) Erlangen/Astana. Die Regierung von Kasachstan soll die Zwangsregistrierung von religiösen Gemeinschaften abschaffen, fordert der katholische Theologe und UNO-Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit Heiner Bielefeldt. Vor allem kleinere religiöse Gruppen lebten in rechtlicher Unsicherheit und seien in ihrer Glaubensfreiheit beeinflusst. „Religions- und Weltanschauungsfreiheit ist ein Menschenrecht und bedarf nicht der staatlichen Billigung“, erklärte der Professor für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik. In Kasachstan gilt seit 2011 ein Gesetz, dem zufolge sich religiöse Vereinigungen registrieren lassen müssen; säkulare Vereinigungen wurden bisher gar nicht zugelassen. Letzteren Umstand erwähnte Bielefeldt nicht. (KNA, 8.4.14)

Saudi-Arabien

(4508) Riad. Die oberste islamische Autorität Saudi-Arabiens hat Selbstmordattentate mit ungewohnt deutlichen Worten verurteilt. „Sich selbst im Namen des Islam in die Luft zu sprengen ist ein großes Verbrechen“, verkündete der saudische Großmufti Scheich Abdul Aziz bin Abdullah al-Sheikh bei einer Konferenz in Riad. Kamikaze-Terroristen seien „Kriminelle, die in die Hölle gehen werden“, sie hätten „ihr Gehirn weggeworfen“ und würden „sich selbst und die Gesellschaft“ ruinieren.
Anlass war ein Anschlag am 5. Dezember 2013 im Jemen, bei dem saudische Kamikaze-Kämpfer 56 Menschen getötet hatten. In den vergangenen Monaten haben die saudischen Autoritäten nach Medienberichten mehr Anstrengungen unternommen, um Al-Kaida-Terroristen auf der arabischen Halbinsel aufzuspüren. Der Großmufti hatte bereits vor drei Jahren Terrorismus als unislamisch bezeichnet. (asianews, 15.12.13)
Anm. MIZ-Red.: Das Problem ist nur, dass sich religiöse Fanatiker immer an jenen Autoritäten orientieren, die ihnen Recht geben – und solche finden sich immer.

Syrien

(4509) Damaskus. Der griechisch-orthodoxe Bischof Syriens, Luya Khury, rief junge Christen auf, zu den Waffen zu greifen, um das Land zu verteidigen. Die irakische Internetseite az-Zaman gab Bischof Khury mit den Worten wieder: „Jeder junge Christ, der in der Lage ist, zu den Waffen zu greifen, möge es tun, um Syrien zu verteidigen.“ Dem libanesischen Fernsehsender LBC gegenüber leugnete der Kirchenfürst diese Äußerungen zunächst, erklärte dann aber: „In der jetzigen Lage sind alle Mittel legitim, um sich selbst zu verteidigen.“ Die Christen seien „nicht bereit, Syrien aus freien Stücken zu verlassen“, und hätten „keine Angst“ vor denen, „die Kirchen angreifen, um die historische Identität der Christen zu beschädigen“. (ansa, 10.12.13)