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Die Geschichte der Freidenker


Der Begriff Freidenker hat seinen Ursprung in der englischen und französischen Aufklärung.

Das Wort geht auf einen Brief des englischen Philosophen und Naturwissenschaftlers William Molyneux vom 6. April 1697 an den Begründer der englischen Aufklärung John Locke zurück. In ihm bezeichnet er diesen als candid freethinker. John Tolland übernahm in seinen Schriften diesen Begriff zunächst für sich und die befreundeten Deisten, edierte vorübergehend (1711) die Wochenschrift The Free-Thinker und arbeitete den Unterschied zwischen Religion und Aberglauben heraus. Lockes Schüler, Anthony Collins, brachte erst 1713 durch seine anonyme Veröffentlichung Discourse of Free-Thinking den Begriff in Umlauf. Freies Denken erwies seine Evidenz in der Sache und nicht durch eine Autorität. Die Diskussion eternal being or god rief zunächst in den gehobenen Bürgerschichten und im Adel Englands, nach der Übersetzung dann umsomehr in Frankreich eine starke Empörung hervor, erreichte jedoch noch nicht das Volk.

Deutschland

Die deutsche Übertragung von Freethinker zu Freidenker, die 1715 durch Gottfried Wilhelm Leibniz erfolgte, verband sich im Laufe des 18. Jahrhunderts mit dem schon bekannten Begriff Freigeist. Die Begrifflichkeit blieb jedoch relativ diffus. In dem von Johann Anton Trinius 1759 herausgegeben Freydenker-Lexicon steht Freigeist für „Atheisten, Naturalisten, Deisten, grobe Indifferentisten, Sceptiker und dergleichen Leute.“ Hierher gehört auch Gottfried Ephraim Lessings Fragmentenstreit mit Hermann Samuel Reimarus.
Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzog sich unter dem Einfluss des naturwissenschaftlichen Weltbildes, der Religionskritik und des dialektischen Materialismus eine deutliche Akzentverlagerung von der religions-philosophischen zur religionspolitischen Freidenker-bewegung. Der Streit der Freidenker mit der Kirche betraf in den Einzelfragen die radikale Forderung der Trennung von Kirche und Staat. Darunter auch im Zusammenhang mit der Forderung der Feuerbestattung die Kontroverse Unsterblichkeit der Seele oder Auferstehung des Leibes.

Geschichtliche Entwicklung

Verbände, Spaltung und Vereinigung
Bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Deutschland freidenkerische Bewegungen wie beispielsweise die Lichtfreunde, die als Verein der Protestantischen Freunde am 29. Juni 1841 gegründet und die Los-von-Rom-Bewegung der Deutschkatholiken von 1844, die sich am 1. Juni 1859 in Gotha zum Bund freireligiöser Gemeinden zusammenschlossen. Sie vertraten die freie Selbstbestimmung in allen religiösen Angelegenheiten.

Am 29./31. August 1880 konstituierte sich auf Betreiben belgischer und französischer Freidenker zunächst das naturphilosophische Freidenkertum in dem bürgerlichen Internationalen Freidenkerbund, (IFB) in Brüssel. Unter Ludwig Büchner, einem Bruder des Schriftstellers Georg Büchner, wurde am 10. April 1881 in Frankfurt a. M. der Deutsche Freidenkerbund, (DFB) gegründet.

Der Deutsche Monistenbund, der sich 1906 unter dem Vorsitz von Ernst Haeckel und Wilhelm Ostwald gründete und Intellektuelle für eine wissenschaftliche Weltan-schauung sammelte, erreichte 1930 mehr als 10.000 Mitglieder. 1905 formierte sich das marxistische Freidenkertum in dem Verein für Feuerbestattung. Aus dem Freidenkerbund entwickelten bestimmte Arbeitsgruppen 1908 den Zentral-Verband der Proletarischen Freidenker Deutschlands mit der Zeitschrift Der Atheist, die sich 1927 zum Verband für Freidenkertum und Feuerbestattung unbenannten. Eine nach 1918 erfolgreiche Kirchenaustritts-Propaganda führt 1930 zur Spaltung der kommunistischen Mitglieder in den Verband proletarischer Freidenker und Deutscher Freidenkerverband.

Daneben gab es den Bund Sozialistischer Freidenker mit 20.000 Mitgliedern. Bereits 1925 bildete der Internationale proletarischer Freidenker in Wien einen Zusammenschluss der marxistischen Vereinigungen. Aus ihr ging 1931 die sozialistische Minderheit hervor, die sich mit dem bürgerlichen Internationalen Freidenker-Verband zusammenschloss und es 1933 auf 660.000 Mitglieder brachte.

Unterdrückung und Widerstand
zwischen 1933 und 1945


Bereits am 28. März 1931 schränkte die „Verordnung des Reichspräsidenten zur Bekämpfung politischer Ausschreitungen“ die Wirkungsmöglichkeiten des kommunistischen Freidenkertums in Deutschland stark ein. Eine weitere Verordnung vom 3. Mai 1932 verbot die kommunistischen Verbände mit dem Vorwurf der „Gottlosenpropaganda“; sie betraf ca. 150.000 Mitglieder. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden die bürgerlichen deutschen Freidenkerverbände, die 1932 etwa 540.000 Mitglieder zählten, durch gewaltsame SA-Aktionen aufgelöst, die Vermögenswerte der Feuerbestattungs-Kassen in die Neue Deutsche Bestattungskasse überführt; ferner wurde im März 1936 durch den Volksgerichtshof der Deutsche Freidenkerbund (DFV) zu einer hochverräterischen Organisation erklärt und verboten. Der Vorsitzende Max Sievers ist am 17. Januar 1944 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet worden.

Neubeginn in Deutschland nach 1945

Am 21. März 1951 entstand in der BRD der Deutsche Freidenker-Verband (DFV) in Braunschweig. Er zählte 1955 in seinen fünf Landesverbänden 5.500 Mitglieder und gibt seitdem die Zeitschrift Der Freidenker heraus.
In der DDR blieben Freidenker-Vereinigungen bis 1989 verboten, da die SED selbst die Funktion des ehemaligen proletarischen Freidenkertums übernommen hat und über genügend atheistische Organisationen verfügte. Am 7. Juni 1989 wurde von 400 Delegierten (zumeist Hochschul-lehrern) in Berlin-Ost am Sitz der Akademie der Künste der „Verband der Freidenker“ gegründet.
Laut REMID hatte der DFV im Jahr 2010 noch etwa 3.000 Mitglieder.

Ein Teil der im DFV und dem kurzlebigen Freidenker-Verband der DDR organisierten Mitglieder schloss sich nach 1990 dem Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) an. In Berlin ging der HVD-Landesverband aus dem dortigen Freidenker-Verband hervor und hat sich seitdem zum bundesweit größten Träger kultureller, pädagogischer und sozialer Angebote auf Grundlage einer humanistischen Weltanschauung entwickelt.

Praxis

Die Freidenker schufen ähnliche wie die freireligiöse Bewegung in ihren festlichen Lebensformen nicht völlig Neues, allerdings Alternativen. Analog zu den kirchlichen Ritualen und Zeremonien schufen die Freidenker-vereinigungen nicht-kirchliche Gestaltungsformen, die der so genannte freie Redner vollzog. So entstand statt der Taufe ein quasireligiöses Ritual zur Geburt, beispielsweise die Namensweihe, die sozialistische Namensgebung; statt der Konfirmation bzw. Kommunion ein quasireligiöses Ritual zur Adoleszenz, beispielsweise die Jugendweihe; statt der kirchlichen Trauung ein quasireligiöses Ritual zur Heirat, beispielsweise die Lebensbundfeier, die sozialistische Trauung; statt der kirchlichen Beerdigung, ein quasireligiöses Ritual zum Todesfall, beispielsweise die Totenfeier oder die sozialistische Bestattung. Der heutige Trauerredner steht mit seiner Trauerrede in dieser Tradition der Totenrede des freien Redners.

> Diagramm zur geschichtlichen Entwicklung
> der Freidenker (Link / PDF)


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