Stolpersteine in Vöhringen

Artikel und Fotos von Veit Feger, Ehingen-Donau:
Stolpersteinverlegung in Vöhringen/Iller

In der Stadt Vöhringen/Iller (zwischen Ulm und Illertissen) wurden am Dienstag, 10. September 2013, durch den Künstler und Aktionsgründer Gunter Demnig 17 „Stolpersteine“ für Menschen verlegt, die von Vöhringen aus in den Tod deportiert wurden. Ausgewählt wurde ein Stück Pflaster gegenüber dem Friedhof der Stadt, an der Ulmer Straße.

Auf einem Transparent konnte man während der Stolperstein-Verlegung folgenden Text lesen:
„Johannes und Friederike Eckstein, Albert Eckstein
Albert Ecksteins Eltern, Johannes und Friederike, kamen 1935 mit ihren Kindern nach Vöhringen. Sie ließen sich zuletzt im Gemeindehaus in der Ulmer Straße 22 nieder.

 

 

Johannes Eckstein war Geiger und Kopf einer angesehenen Sintikapelle, die durch ihr musikalisches Können über die Grenzen der Stadt Vöhringen hinaus Berühmtheit erlangte. Trotz Akzeptanz durch die Vöhringer Gemeinde erlebten die Ecksteins zunehmende Ausgrenzung und Verfolgung durch die national-sozialistischen Machthaber. Nach und nach wurde den Zigeunern – wie de Juden – die Lebensgrundlage entzogen.

Sie wurden deportiert und ermordet. Im März 1943 wurden Alberts Eltern und neun seier Geschwister in verschiedene Konzentratioslager gebracht. Sie alle kamen ums Leben. Die jüngste Tochter der Familie und eine Enkelin waren gerade vier Jahre alt.“

 

Die meisten der durch diese Stolpersteine erinnerten Menschen waren Angehörige der Sinti-Familie Eckstein, dazu zwei nahe Verwandte. Überlebt hat nur eines dieser Geschwister, Albert Eckstein, weil er mit einer „Arierin“ aus Vöhringen verheiratet war und zeitweilig sogar bereits Soldat in der Wehrmacht gewesen war, dann als „wehrunwürdig“ ausgestoßen wurde, aber als Arbeiter bei einer Vöhringer Firma überleben konnte.

Albert Eckstein gehörte zu den zwei Bürgern, die den anrückenden US-Soldaten mit weißen Fahnen entgegengingen, um die Stadt zu übergeben – ohne weitere Kampfhandlungen und Zerstörungen – ein lebensgefährlicher Vorgang, weil es ja an vielen Orten Fanatiker gab, die bis zur letzten Patrone kämpfen lassen wollten. Eine kurze Zeit wurde Albert Eckstein als Bürgermeister der Stadt eingesetzt, verdiente dann aber seinen Lebensunterhalt als Pferde- und Viehhändler.

Ein Sohn von Albert, Rudolf, war finanziell erfolgreich im Garantiegeschäft, mit der Firma Meneks in Elchingen; er übergab kürzlich die Geschäftsführung an seinen Sohn Andre. – Albert Eckstein war ein hochbegabter Geigenspieler, wie sein Vater. Auch in der Zeit als Zwangsarbeiter und später als Viehhändler sammelte er Geigen, fuhr auch immer wieder nach Italien, um besondere Instrumente zu finden und zu erwerben. Sein Sohn Rolf hat diese Sammlung weiter ausgebaut und 2005 die Albert-Eckstein-Stiftung gegründet, die gute (und teure) Instrumente an begabte junge Violinisten ausleiht.

Einer dieser durch die Stiftung gefeierten Violinspieler war bei der Stolperstein-Verlegung anwesend und musizierte; es ist ein jetzt 25jähriger Türke aus Adana , Önder Baloglu. – Rudolf Eckstein hat 2007 in Ulm ein Fachgeschäft für hochwertige Streichinstrumente, das Geigenbauatelier Ulm, http://www.geigenbauatelier-ulm.de/ eröffnet und beschäftigt hier eine Geigenbaumeisterin.

Rudolf Eckstein fragte bei der Stadt Vöhringen an, ob sie eine Verlegung von Stolpersteinen für seine Großeltern, Onkel und Tanten akzeptiere und unterstütze. Dies war der Fall. Am Dienstag, 10.9., war nun die Verlegung. Dabei sprachen am Dienstagmorgen nicht nur Rolf Eckstein selbst, sondern auch der Bürgermeister der Stadt, Janson.

Liebenswürdige Geste: Rolf Eckstein lud die gut zwei Dutzend bei der Feier Anwesenden, weitgehend Frauen und einige Männer aus der Stadt, anschließend zu einem Weißwurst-Frühstück in ein örtliches Gasthaus ein.

Gunther Demnig wurde bei der Verlegung durch Mitarbeiter des örtlichen Bauhofs unterstützt. Dem Notierer dieser Zeilen erklärte er auf Anfrage, dass er derzeit wochenlang einen Tag um den anderen in Süddeutschland Stolpersteine verlege, insgesamt sind bisher schon über 44.000 Stolpersteine verlegt worden, in mehreren Ländern. – Demnig hat einen Kleinbus dabei, in dem er jede Menge Handwerkszeug, Stolpersteine für weitere Orte, Pflastersteine (für das Auffüllen von Lücken im Gehweg) etc. von Ort zu Ort transportiert.

Sehr viel zur Erforschung der Eckstein-Familiengeschichte hat der Ulmer Historiker Dr. Walter Wuttke beigetragen. Von ihm erschien in der Reihe „Freidenker-Blätter Ulm“ das Heft 7/2012 (2. erweiterte Auflage) mit dem Titel „Die Vöhringer Sinti-Familie Eckstein; Vöhringen – Ulm – Auschwitz“. Wuttke hat auch eine Dokumentation über den Ulmer Sinto Willi Eckstein, der in Auschwitz ermordet wurde, verfasst, und zugleich die Geschichte der Umbenennung eines Ulmer Weges von einer einstigen regionalen NS-Größe zu „Willi-Eckstein-Weg“

Der in Vöhringen aufgewachsene spätere Leiter der Südwestpresse Stadt-Redaktionen in Ehingen und in Ulm, Gustav Moré, hat in einem autobiographischen Text („Verfluchte Uniform“) von der Verschickung der Sinti-Familie Eckstein im Jahr 1943 auf den Vöhringer Bahnhof erzählt.
Er hat diesen Text auch als hochbetagter Mann in Vöhringen vorgetragen.

Veit Feger, Ehingen-Donau
10.9.2013
veit-feger.homepage.t-online.de