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Auf den Spuren von Walter Benjamin


Freidenkerreise nach Katalonien (13. bis 19. April 2015)
Einige Impressionen

Der Unterschied war deutlich spürbar: In Memmingen war es beim Abflug sehr frisch, in Gerona (Spanien) konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Reise in kurzärmeligen T-Shirts die Busfahrt in den kleinen Ort Alenya (Frankreich) antreten, genauer gesagt zur Unterkunft im ehemaligen Weingut Mas Bazan (Bild)
bild 1 weingut
Abends gab es dann gleich das erste Abenteuer – den Fußmarsch zur Besichtigung eines noch in Betrieb befindlichen Weinguts mit Weinprobe, der außer einem Umweg von etwa 3 km auch die Verfolgung durch zwei große schwarze Hunde und eine Flußquerung zu bieten hatte. Aber außer nassen Füßen blieb alles sozusagen "in trockenen Tüchern". "Retirada" – ich habe diesen Begriff erst in Katalonien kennengelernt. In den ersten Februartagen des Jahres 1939 strömten über 500.000 Frauen, Männer und Kinder aus Spanien über die Pyrenäen nach Frankreich. Sie flohen vor den Franco-Faschisten, die den spanischen Bürgerkrieg für sich entschieden hatten - unterstützt unter anderem von Hitler-Deutschland. Diese Massenflucht nennt man "Retirada" (Exodus).
Die Ankömmlinge wurden von den französischen Behörden in etlichen Internierungslagern untergebracht, die später entweder dem Erdboden gleichgemacht wurden oder langsam zerfallen. Vom "Camp de Rivesaltes" (Bild) stehen nur noch Ruinen.
camp de rivesaltes bild 2
Hier waren bis zu 70.000 Menschen gleichzeitig untergebracht – dies erklärte uns Anna-Clara Erber (19 Jahre, soziales Jahr bei der "Aktion Sühnezeichen"!) bei der Führung über das Gelände. Die hygienischen Zustände waren übelst, so gab es beispiesweise gerade mal 64 Abtritte. Kot und Urin wurden in Eimern aufgefangen, die dann auf dem Gelände entleert wurden, was zu Seuchen-Epidemien führte. Die Kindersterblichkeit betrug 95 Prozent!
Viele der Internierten, besonders natürlich Juden, wurden von Rivesaltes nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Auch Walter Benjamin war in einem Internierungslager, und zwar in der Nähe von Nevers.
Das "Kontrastprogramm" bot die "Maternité Suisse" (Bild) in dem kleinen Örtchen. Elne mit Unterstützung des Schweizer Roten Kreuzes betrieb Élisabeth Eidenbenz das Entbindungshaus, das Mutter und Kind nach der Entbindung noch etwa 14 Tage lang eine Heimstätte bot. Zeitweise wurden dort auch jüdische Kinder versteckt.
maternite suisse bild 3
Ein Ausflug in die Pyrenäen durfte natürlich auch nicht fehlen. Imposant sind die Katharerburgen, die auf den Bergrücken der Pyrenäen erbaut wurden. Die Katharer, in Südfrankreich auch Albingenser genannt, hatten ihre Blütezeit in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Sie verwarfen Priestertum und Hierarchie, Ehe, Eid und Krieg, Todesstrafe und weltliche Obrigkeit. Wir waren auf dem "Château de Peyrepertuse",
chateau de peyrepertuse bild 4
von wo aus uns der Weg durch die wildromantischen Schlucht "Gorges de Galamus" führte. Am oberen Ende der Schlucht befindet sich die Eremitage von Saint-Antoine (s. unten).
Der absolute Höhepunkt der Reise war die Wanderung auf dem "Chemin Walter Benjamin", dem 14 km langen Weg, den Walter Benjamin auf der Flucht vor den Nazi-Schergen über die Pyrenäen nahm. Lisa Fittko, die ihm und anderen den Weg wies, hat die Flucht in ihrem Buch "Mein Weg über die Pyrenäen" (immer noch erhältlich und hoch interessant!!) dokumentiert. Los ging's in Banyuls-sur-Mer (Frankreich), auf, wie der Name sagt, Meereshöhe (Mittelmeer). Der Weg führt zuerst durch Weinberge, dann durch Macchie, eine wildnishafte Verstrickung von Büschen (Lorbeer, Ginster etc.).
macchie bild 6
Der Weg ist gut ausgeschildert, aber nach den Weinbergen kein Weg mehr, sondern ein Trampelpfad, bestehend aus Felsen und vor allem Geröll, Geröll und nochmals Geröll. Nach 540 Höhenmetern waren wir auf dem Paß, wo die Grenze zu Spanien verläuft. Der Abstieg auf spanischer Seite war wahrlich kein Honigschlecken. Erst die letzten etwa 120 Höhenmeter (geschätzt), führen über Wege, davor: Geröll, Geröll und nochmals Geröll, oft einfach gerade bergab.
Und weil wir alle so brav waren, schien den ganzen Tag die Sonne, sie brachte es auf über 30 Grad im Schatten, den es aber nur spärlich gab - der Bewuchs in der Macchie ist lediglich buschhoch. "Wasserkühlung" aus den mitgetragenen Flaschen ersparte uns allen einen Hitzschlag und bewahrte uns vor Austrocknung.
Die Vorfreude auf ein (oder zwei oder ...) Glas kühles Bier wurde nach etwa 7 Stunden im Hafen von Portbou Wirklichkeit. Dazu Pommes frites und Salamibrötchen, spendiert(!) vom freundlichen Wirt der Strandbar. Ein auf der Walz befindlicher schweizerischer Steinmetz erzählte uns noch aus seinem Wanderleben, bevor wir, vorbei an dem ehemaligen Hotel, in dem Walter Benjamin verstarb, zu seiner Gedenkstätte gingen.
memorial bild 7
Das Memorial (Bild), vom jetzt hochbetagten, in Israel lebenden Juden Dani Karavan gestaltet, ist beeindruckend und sehr berührend. Es nimmt das unvollendete Hauptwerk Benjamins, das "Passagen-Werk", auf, d. h. es führt eine Passage, ein Gang, vom Friedhof hinunter bis fast ans Meer (Bild).
passagen-werk bild 8
Auf der abschließenden Glasscheibe befindet sich das Benjamin-Zitat:
Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Es stammt aus Benjamins Notizen zu seinen Thesen »Über den Begriff der Geschichte«.

Dani Karavans Kunst sollte uns dann nochmals begegnen, und zwar im "Musée d'Art moderne de Céret", das eine Sonderausstellung zu Dani Karavan mitsamt Infofilm zeigt – wir hatten Glück: die Sonderausstellung endet am 31. Mai. Céret ist eine Kleinstadt am Fuße der Pyrenäen, in der es vor Jahren eine Künstlerkolonie gab. Picasso, Mirò, Chagall, Matisse ... lebten und arbeiteten dort und überließen dem Museum etliche ihrer Werke.
Die Tage in Katalonien waren voller Eindrücke von einer Landschaft, welche die meisten von uns noch nie gesehen hatten, von Menschen mit bezaubernder Freundlichkeit, von historischen Tatsachen, welche in Deutschland nicht vermittelt werden, … Da vier der Reisenden Französisch können, haben die restlichen Vier ihren ohnehin kargen Wortschatz nicht einmal ausreizen müssen: es reichte im Normalfall les toilettes, la bière, le vin und le verre – aber ohne Martine würde eine(r) von ihnen immer noch über der Eremitage von Saint-Antoine an der Theke des Kiosk stehen und verdutzt auf ein Eis schauen – hatte er / sie doch ein Glas Wein bestellen wollen ...
Ich möchte mich im Namen aller ReiseteilnehmerInnen sehr herzlich bei Martine bedanken, die die Reise hervorragend vorbereitet und durchgeführt hat, bei Georg und Margarete, die uns im Kleinbus sicher durch Katalonien gefahren haben, und bei allen Mitreisenden für ihre Herzlichkeit, Offenheit und ihr Interesse an den anderen.
Nicht nur beim Abstieg vom Paß nach Portbou, aber da besonders, hat sich gezeigt, daß Solidarität nicht nur im Wortschatz der Mitreisenden vorhanden war, sondern auch gelebt wurde.

Für mich ist ein Herzenswunsch in Erfüllung gegangen.
Walter Schmid


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