Pressemitteilung

Freiheit zu denken und zu lehren verteidigen

Freidenkerinnen & Freidenker Ulm/Neu-Ulm unterstützen internationalen Aufruf gegen die Streichung kritischer Denker aus italienischen Lehrplänen (Appel international pour Baruch Spinoza)

Ulm/Neu-Ulm. Die Freidenkerinnen & Freidenker Ulm/Neu-Ulm e.V. unterstützen nachdrücklich den internationalen Aufruf für Baruch Spinoza und für die „Freiheit zu philosophieren“. Wir wenden uns gegen die Marginalisierung oder Streichung bedeutender Denker wie Baruch Spinoza, Karl Marx, Antonio Gramsci, Gottfried Wilhelm Leibniz, Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling aus dem Philosophieunterricht an italienischen Gymnasien.

Schule und Hochschule haben nicht die Aufgabe, jungen Menschen eine politisch erwünschte Sicht auf die Welt zu vermitteln. Bildung muss vielmehr dazu befähigen, unterschiedliche Weltanschauungen kennenzulernen, gesellschaftliche Verhältnisse kritisch zu hinterfragen, Argumente gegeneinander abzuwägen und sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Gerade deshalb gehören auch unbequeme, widersprüchliche und radikal gesellschaftskritische Denkerinnen und Denker in den Unterricht. Man muss Gramscis politische Überzeugungen nicht teilen, um seine Bedeutung für das politische Denken des 20. Jahrhunderts zu verstehen. Und wer sich mit Säkularismus, Religionskritik, Toleranz und Gewissensfreiheit beschäftigt, kann an Spinoza kaum vorbeigehen.
Für Freidenker:innen ist die Auseinandersetzung mit Spinoza von besonderer Bedeutung. Seine Verteidigung der „libertas philosophandi“, der Freiheit zu philosophieren, richtete sich gegen religiöse Intoleranz und gegen den Anspruch politischer und religiöser Autoritäten, darüber zu bestimmen, was gedacht, gelehrt und öffentlich diskutiert werden darf. Diese Freiheit ist keine historische Fußnote. Sie gehört zu den Voraussetzungen einer offenen und demokratischen Gesellschaft.
Die Vorgänge in Italien betrachten wir deshalb nicht als rein italienische Angelegenheit. Angriffe auf die Freiheit von Bildung und Wissenschaft und der Versuch, bestimmte wissenschaftliche oder gesellschaftskritische Positionen als vermeintlich „ideologisch“ aus Schulen und Hochschulen zu verdrängen, sind auch in Deutschland eine reale Gefahr.

Mit Sorge betrachten wir insbesondere entsprechende Äußerungen und Forderungen der AfD. Wenn ganze Forschungsrichtungen wie Gender Studies, Postcolonial Studies, Disability Studies, Critical Whiteness Studies oder Queer Studies pauschal als „Agendawissenschaften“ abgewertet werden und ihre staatliche Förderung beendet werden soll, wenn Professuren nicht wiederbesetzt und Forschungsprojekte nicht fortgeführt werden sollen, dann geht es nicht mehr allein um wissenschaftliche Kritik. Solche politischen Vorgaben lassen befürchten, dass bei entsprechender politischer Macht auch Einfluss darauf genommen werden soll, welche wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Fragestellungen an Hochschulen noch institutionellen Raum erhalten.

Auch für Schulen gilt: Lehrpläne dürfen nicht zum Instrument einer politischen Säuberung des Wissens werden. Gerade kontroverse Positionen gehören in den Unterricht als Gegenstände kritischer Auseinandersetzung.
Freidenkerinnen und Freidenker orientieren sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen und bekennen sich zum Humanismus. Wissenschaftliches Denken bedeutet für uns nicht, bestimmte Lehrmeinungen für unangreifbar zu erklären. Im Gegenteil: Wissenschaft lebt vom Zweifel, von überprüfbaren Fakten und Argumenten, von Kritik und Gegenkritik, von These und Antithese. Deshalb verteidigen wir die Freiheit von Forschung und Lehre gerade auch dort, wo wir mit einzelnen Positionen nicht übereinstimmen.

Wer kritisches Denken fördern will, darf den Kanon nicht von kritischen Denkerinnen und Denkern säubern.
Wir unterstützen deshalb die Forderung, Spinoza, Leibniz, Fichte, Schelling, Marx und Gramsci wieder ausdrücklich und angemessen im italienischen Philosophieunterricht zu verankern und den Lehrkräften die Freiheit zu sichern, die Vielfalt und die Widersprüche der philosophischen Tradition zu vermitteln.

Die Freiheit zu philosophieren ist die Freiheit, selbst zu denken. Sie endet dort, wo politische Macht darüber entscheidet, welche Gedanken noch gelehrt, erforscht und diskutiert werden dürfen.

zum Aufruf/zur Unterzeichnung: https://framaforms.org/tribune-petition-spinoza-1788241929

Deutsche Version: https://framaforms.org/sites/default/files/forms/files/spinoza-de.pdf